Short Storiez
Der exotische Patient
Veröffentlicht : April 13, 2009 um 15:01 Uhr

Autor : Alex Reinhardt

Früh morgens um 6:45 Uhr begann Klara ihren Aushilfsjob. Es war eigentlich nur ein Überbrückungsjob bis zum Zeitpunkt, an dem sie endlich den begehrten Promotionsplatz im Hamburger Tropeninstitut anfangen konnte. Klara schloss die Spindtür, band sich das Kopftuch um und betrachtete sich noch einmal im Spiegel. Jeden Morgen der gleiche doofe Spruch – „Schauen Sie und Sie werden sehen!“ – wie oft hat Klara diesen Spruch in den letzten 4 Monaten lesen müssen und jedes Mal dachte sie sich – „ja und dann werde ich gehen…“.

Der Nachtisch

Sie ging in die Küche, schaute auf den Speiseplan und begann mit der Zubereitung des Nachtisches. Während Klara sich die Zutaten aufschrieb, füllte sich die Küche und das morgendliche Klappern der Schüsseln begann. Klara sah an den Arbeitsplatz und stellte fest, dass ihr die Kiwis für den Nachtisch fehlten. Sie ging los, plauderte noch mit einigen der anderen Küchenhilfen und hoffte insgeheim, dass die Tage in der Küche gezählt waren. Der Lagerraum mit den Früchten lag auf der der anderen Seite des Hofes und so musste Klara bei strömendem Regen zum Kühlraum laufen. „So ein Mistwetter! Zum Glück schickt man ja sonst niemanden raus, um etwas zu holen..“. Als sie durchnässt beim Lagerraum ankam, wollte sie die Tür öffnen, aber sie klemmte. Es fühlte sich an, als wenn irgendetwas von innen davor gefallen war und das Aufschieben der Tür verhinderte. Klara dachte sich: „Bestimmt hat wieder einer der Lieferanten schlampig aufgebaut.“ Sie warf sich mit einem Ruck gegen die Tür, doch statt dem erwarteten Aufschwingen, ertönte ein dumpfes Stöhnen, so als wenn ein Tier oder vielleicht ein Mensch vor der Tür läge. „Lass es ein Tier sein, das dem verlockenden Duft der Früchte nicht widerstehen konnte!!!“ Noch einmal drückte sie mit aller Kraft gegen die Tür und konnte sie einen Spalt weit aufschieben. Mit der Hand suchte Klara den Lichtschalter. Einen Augenblick später entdeckte sie ihn.

Die Entdeckung

Das Licht erhellte den Raum und auf dem Boden des Kühlraumes sah Klara ein dunkelhäutiges Bein. Bei näherer Betrachtung konnte sie erkennen, dass das Bein mit roten Quaddeln übersät war. Klara zwängte sich durch den Türspalt in den Lagerraum und sah den Mann in ganzer Länge. Das Gesicht schmerz verzerrt und die Stellen der Haut, die sie sehen konnte, waren mit Ausschlag überzogen. Sie beugte sich herunter und wollte den Pulsschlag messen, aber im letzten Augenblick überlegte sie es sich anders. „Was wenn dieser Ausschlag ansteckend ist?“. Sie sprach den Mann an, doch es kam nur ein Stöhnen und Röcheln. „Was soll ich nur machen?“ dachte sich Klara. Sie entschied, den Mann liegen zu lassen und selber auf die Station zu laufen. Sie sprintete zurück zum Hauptgebäude, riss die Treppenhaustür auf und sprang die Treppen herauf.

Die Station

In der Station angekommen, suchte sie die Stationsschwester und redete mit ihr. Klara wollte so sachlich wie möglich bleiben, denn das wurde auch in ihrem, hoffentlich baldigen, Job als Tropenarzt gefordert. Ruhe bewahren und das Problem oder die Krankheit Stück für Stück analysieren bzw. einkreisen Die Gefahr einer Epidemie war bei Tropenkrankheiten in diesen Breitengraden immer gegeben. Die Schwester nahm das Telefon und rief den leitenden Arzt an. Gemeinsam mit vier weiteren Pflegern liefen sie zurück zum Kühlhaus. Die nötigen Schutzmaßnahmen, wie Mundschutz und Handschuh, waren angezogen und sie schoben die Tür des Kühlraumes auf. Der Mann lag immer noch gekrümmt und stöhnend auf dem Boden.. Nach der Erstuntersuchung benachrichtigte der Arzt das Krankentransport-Team. Die Pfleger sahen den Arzt an und wollten seine erste Einschätzung hören. „Ich habe keine Ahnung! Die grünlich verfärbten Pupillen und dieser ungewöhnliche Hautausschlag sind mir noch nicht begegnet, daher müssen wir extrem vorsichtig sein.“ Der Arzt sah Klara an.Sie wusste sofort, was er sie fragen sollte. „Nein, ich habe ihn nicht berührt! Ich hatte es zwar vorgehabt, aber mich dann doch anders entschieden!“. Der Arzt wirkte erleichtert. Das Transport-Team kam, nahm den Mann mit und brachte ihn in den Quarantäne-Bereich des Tropeninstituts.

Die Untersuchung

Die Ärzte untersuchten den Patienten, nahmen Blutproben und Abstriche der Haut. Ein paar Stunden vergingen, aber der Zustand des Patienten verbesserte sich nicht wirklich, ganz im Gegenteil! Er wurde immer schlechter. Das Einzige was der Patient von sich gab waren afrikanisch klingende Laute. Etwas, das wie „jangto“ klang. Keiner der Mediziner konnte das Wort verstehen und sie glaubten, der Patient würde nach seinem Gott rufen.

Währendessen in der Küche

Inzwischen war Klara wieder in der Küche und bereitete den Nachtisch zu. Sie zerteilte die Kiwis, schälte sie und entfernte das mittlere Teil der Frucht. In Gedanken war sie jedoch die ganze Zeit bei dem Patienten, der anscheinend illegal eingereist war und bei dem die Ärzte vor einem Rätsel standen. Während Klara eine weitere Kiwi aus dem Kasten nahm, überflog sie die Aufkleber auf der Kiste – „Kiwi, Kiwifruit, Yang Toa“ stand dort aufgedruckt. „Yang Toa??“ Wo hatte sie dieses Wort schon einmal gehört? Sie sprach den Namen laut aus, variierte die Betonung, dann schoss es ihr durch Kopf. Der Patient stammelte doch so ein ähnlich klingendes Wort. Sie riss den Aufkleber von der Kiste, nahm eine Kiwi und rannte zur Station.

Die Lösung

Die Schwester empfing Klara und fragte, was sie wolle. „Ich glaube ich weiß, was der Patient da immer stammelt. Es ist nicht sein Gott, sondern ein anderes Wort für Kiwi!“. Der Arzt kam angelaufen. Klara zeigte ihm die Kiwi und den Aufkleber. Der Arzt überlegte und sie gingen zum Patienten. „Hmm“ sagte der Arzt „jetzt müssen wir nur noch herausbekommen, ob der Patient auf Kiwis allergisch ist. Dann können wir nach einer geeigneten Therapiemaßnahme suchen.“ Klara sah den Patienten an, überlegte nur kurz. „Nein, Herr Doktor, ich glaube der Patient möchte eine Kiwi essen.“ Verständnislos sah der Arzt Klara an. Sie schnappte sich die Kiwi und ging zum Patienten. Alle Versuche sie aufzuhalten, schlugen fehl. Klara zerdrückte die Kiwi, der Saft lief ihr zwischen den Fingern hindurch. Der Patient stammelte „Yang Toa!“ und sah Klara mit großen Augen an. Er versuchte, seine Arme auszustrecken. Klara nahm die Kiwi und presste den Saft in den Mund des Patienten. Ein Klang wie eine Erlösung entfuhr dem Patienten. Er leckte sich über die Lippen und es schien ihm augenblicklich besser zu gehen. Er nahm die Kiwi in die Hand und aß sie ganz auf. „Danke“ stammelte e. Der Arzt sah mit Erstaunen zu, wie nicht nur das Grün aus den Augen wich, sondern auch der Ausschlag auf der Haut weniger wurde. Völlig erstaunt sah er den Patienten und dann Klara an „Wie war noch ihr Name?“, fragte er sie. „Klara“ war ihre Antwort. Er lächelte und sagte vor versammelter Mannschaft: „Ich glaube, diese Allergie werden wie ab heute „KlaraKiwitis“ nennen. Und wenn Sie möchten, können Sie schon morgen bei uns anfangen.“ Klara kamen die Tränen und sie schluchzte: „Ich glaube, ich habe auch schon ein Thema für meine Promotion: Ursache und Auswirkung der KlaraKiwitis“.

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