Das glücklose Kleeblatt

Autor: Alexander Reinhardt

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit in einem unbekannten Land. Hinter den dreizehn verwunschenen Dörfern, die in ständiger Dunkelheit lagen, befand sich der Bauernhof von Knecht Pechstein. Knecht Pechstein lebte dort mit seinen 3 Kindern und 21 Kühen. Sein ehemaliger Herr und Meister hatte den glücklosen Knecht schon vor langer Zeit auf dem Hof zurückgelassen und war nach Glückshausen umgezogen.

So bestellte Pechstein tagaus und tagein seine 2 Felder und melkte seine Kühe. Die größte Sorge von Knecht Pechstein war der ständige Kampf ums Überleben. Seine Kühe gaben nicht genug Milch und monatlich fielen Heerscharen von Kobolden über sein kleines Anwesen her. Sie raubten ihm seine Milch und Ernte.

Knecht Pechsteins Tagesablauf

Dank der Mithilfe seiner drei hässlichen Kinder, gelang ihm aber immer wieder der Aufbau des Hofes. Und so pflegten und hegten sie die einzelnen verkümmert aussehenden Halme auf der Weide. Die Kühe gaben meist saure Milch und so war auch der monatliche Gang zum Markt keine große Freude. Wenn nicht gerade saure Kirschenzeit war, wurde er seine Milch aber auch nie los. So zog er immer wieder unverrichteter Dinge nach Hause und musste seinen 3 Kindern die traurige Wahrheit erzählen.

Eines Morgens rief das Kleinste seiner Kinder “Papa, sieh mal – ein Kleeblatt.”. Alle kamen aufgeregt angelaufen und bewunderten diese selten vorkommende Pflanze im “Dunkelland”. Aus einem ihnen unbekannten Grund schimmerte eines der drei Kleeblätter gülden. Während Knecht Pechstein und seine Kinder noch überlegten, vernahmen sie von weitem ein Summen und Klatschen. Der Dunkel-Drache Xztrg (der Drache war so Böse, dass er sich die Vokale aus seinem Namen gestrichen hatte) näherte sich dem Bauernhof – ein erster dunkler Feuerstrahl (welch Ironie, aber das war Xztrg bewusst) traf den Zaun. Die Kinder kauerten sich ängstlich auf dem Boden zusammen. Xztrg schwebte über ihnen und befahl “Hört auf meine Worte und zerstört dieses güldene Kleeblatt, denn wir leben hier in völliger Dunkelheit und jede Lichtquelle ist ein Geschenk des Guten. Und Gutes wollen wir hier schon mal gar nicht haben.”

Der Widerstand

Der größte Sohn stand auf, verneigte sich vor Xztrg und sagte “Ich hoffe Du hattest einen guten Flug” und brachte Xztrg zum Schnauben. Der Sohn wollte gerade das Kleeblatt zertreten um den großen bösen Drachen wieder zu besänftigen, als eine glockenklare und helle (schon wieder etwas eigentlich vollkommen Unbekanntes im Dunkelland) zu ihm sprach. “Oh – Sole - mir ist bisher nur Pech widerfahren und auch auf mich draufgefallen – so rette mich und die ewige Dunkelheit wird weichen”. Noch ganz weich in den Knien, schaute Sole verwirrt drein und blieb regungslos stehen (würde er gehen, so wäre er ja auch nicht regungslos). So blieb dem mittleren Sohn Fiesi nichts anderes übrig, als das Kleeblatt auszubuddeln an sich zu nehmen und so schnell zu laufen, wie ihn die Füße nur trugen.

Beim Laufen trat er auch in den größten Haufen Kuhmist, der jemals in Dunkelland das Licht der Welt erblickte (irgendwie scheint bei der Logik in Dunkelland so einiges im Dunkeln zu liegen). “Hmm” dachte sich Fiesi, “materialisiert sich hier eigentlich alles so schnell wie meine Gedanken?” – und schwupps war der Gedanke auch schon wieder verschwunden. Denn das Einzige, was bei Fiesi noch schneller ging als das Entstehen von Gedanken, war das sofortige Vergessen dieser. So blickte er an sich herunter, sah das Kleeblatt an und stand in dem Haufen voller Mist. “Mist, was sollte oder wollte ich eigentlich tun?”. Da sprach das Kleeblatt zu ihm und flüsterte “Du wolltest mich retten und vor Xztrg beschützen!”. “Und wie mache ich das?” fragte Fiesi. “Indem du ein 4tes Kleeblatt findest und es an mir befestigst, denn dann werde ich ein Glückskleeblatt und werde der Welt das Licht zurückgeben”. Das Einzige was Fiesi dazu einfiel war, ein kleines Blatt aus Teilen des Misthaufens zu formen und an das Klee anzukleeben. In dem Misthaufen waren soviel gute (“Grummel” tönte es vom Drachen Xztrg) Nährstoffe, so dass es schien (scheinen ist allerdings auch eines der Verben in Dunkelland, das vollkommen unbekannt war) als würde das Kleeblatt erwachen. Es wuchs und wuchs und wuchs.

Die Welt erstrahlt im Licht

Und wenn es nicht irgendwann so groß wie die Sonne geworden wäre, dann würde es noch weiter wachsen. Der Klee war nun größer und strahlte Heller als alles was es jemals in Dunkelland gegeben hatte. Xztrg schrie und hielt sich die Augen zu. Das hatte er nicht erwartet. Das Licht blendete ihn und so wollte er einen letzten Blick auf die vier traurigsten Gestalten werfen, die er kannte. Aber Knecht Pechstein und seine drei Söhne sprangen vor Freude umher und Xztrg verzweifelte.

Vor lauter Gram und besonders Scham (in dem neuen Licht erkannte er zum ersten Mal seine wahre Gestalt – und er war hässlich, so hässlich, das er vor sich selber die Augen verschloss) starb er einen qualvollen Tod.

Und die Moral von der Geschicht:
Erblickt die Dunkelheit das Licht – wird der größte Drache zum kleinen armen Wicht.

Dieser Beitrag wurde unter Märchen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Das glücklose Kleeblatt

  1. Kerstin sagt:

    Glückwunsch! Super Idee, denn in jedem schlummert ein kleiner Autor!
    Ich wünsche dir viele tolle Ideen!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>